DGPR trauert um Univ.-Prof. mult. Dr. Dr. h.c. mult. Wildor Hollmann

DGPR-Ehrenmitglied und Träger der Peter-Beckmann-Medaille im Alter von 96 Jahren verstorben – weltweit renommierter Sportmediziner

Univ.-Prof. mult. Dr. Dr. h.c. mult. Wildor Hollmann (* 30. Januar 1925 in Menden, Sauerland), weltweit renommierter Sportmediziner, Gründer und langjähriger Leiter des Instituts für Kreislaufforschung und Sportmedizin und ehemaliger Rektor der Deutschen Sporthochschule (DSHS) Köln, ist am 13. Mai 2021 im Alter von 96 Jahren im Kreise seiner Familie in Brüggen gestorben.

Mit der DSHS Köln trauern die Deutsche Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention – Deutscher Sportärztebund e.V. (DGSP) um ihren Ehrenpräsidenten und die Deutsche Gesellschaft für Prävention und Rehabilitation von Herz-Kreislauferkrankungen e.V. (DGPR) um ihr Ehrenmitglied.

Hollmanns Forschungsarbeiten in den 1960er Jahren revolutionierten auch die kardiologische Rehabilitation: Bewegung war das Zauberwort – damals neu und umstritten, heute selbstverständlicher Bestandteil der Therapie nach Herzinfarkt und „sein wichtigstes klinisches Forschungsergebnis“, wie er später selbst sagte. Folgerichtig stand auch die DGPR während ihrer Organisationsgeschichte bis heute mit der DSHS Köln stets im engen, wissenschaftlichen Austausch.  Am 14. Juni 2003 wurde Hollmann in Berlin von der DGPR mit der Peter-Beckmann-Medaille für sein Lebenswerk ausgezeichnet und war seitdem Ehrenmitglied der Gesellschaft. „Seine bahnbrechenden apparativen Entwicklungen, Untersuchungsmethoden und Veröffentlichungen waren Grundlage dafür, dass sich die kardiologische Prävention und Rehabilitation seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts wesentlich und gewinnbringend unter dem Stimulus der Sportmedizin entwickeln konnte“, würdigte der heutige Ehrenpräsident der DGPR, Prof. Dr. med. Klaus Held, in seiner damaligen Laudatio die herausragenden Verdienste Hollmanns.

Bis Ende der 1960er Jahre bestand die international übliche Standardtherapie beim Patienten nach Herzinfarkt in einer vier- bis sechswöchigen, absoluten Bettruhe. Nach der experimentell fundierten Sicherstellung des aus kardiologischer Sicht gesundheitlich negativen Einflusses von Bettruhe und Bewegungsmangel folgten Untersuchungen von Hollmann zur Eignung der häufigsten Sportarten für präventive und rehabilitative Zwecke auf dem Herz-Kreislauf-Sektor. Systematisch erfolgten experimentelle Untersuchungen zur Trainingsdosis (Intensität, Dauer, Häufigkeit). Dabei konnte Hollmann nachweisen, dass bei untrainierten Personen schon eine tägliche 10-minütige Belastung mit 60-70 Prozent der individuellen Leistungsfähigkeit ausreicht, um präventiv bzw. therapeutisch wünschenswerte Adaptationen zu erreichen. Aufgrund der experimentellen und epidemiologischen Befundlage stellte der Weltkongress für Sportmedizin in Hannover 1966 eine siebenköpfige Expertengruppe aus fünf Nationen zusammen, der auch Hollmann angehörte. Die Kommission wandte sich mit einem Schreiben an die WHO in Genf mit der Bitte um Überprüfung der Richtigkeit einer mehrwöchigen, absoluten Bettruhe im Zustand nach Herzinfarkt im Vergleich zur Frühmobilisation und Bewegungstherapie. Dies war der Auftakt zur vermutlich größten Therapierevolution in der Kardiologie des 20. Jahrhunderts. In diesem Kontext entwickelte er auch Pionierkonzepte wie beispielsweise für ambulante Herzgruppen und war Vater der noch heute praktizierten Bewegungsinitiative „Trimm dich!“.

Mittelpunkt seines nahezu gesamten beruflichen Wirkens war die 1947 gegründete Deutsche Sporthochschule Köln. Nach Wehrdienst und Kriegsgefangenschaft von 1943 bis 1947 studierte Hollmann in Köln Medizin, promovierte 1954 und habilitierte sich 1961. Bereits 1949 kamen beide zum Zweck der experimentellen Forschung zusammen. Es folgte 1957 eine Dozentur, 1958 die Gründung des Instituts für Kreislaufforschung und Sportmedizin sowie 1965 der Ruf auf den neu eingerichteten Lehrstuhl für Kardiologie und Sportmedizin. Von diesem Zeitpunkt an begleitete Wildor Hollmann die Sporthochschule als Institutsgründer, Rektor, Prorektor, Dekan, Wissenschaftler, Arzt deutscher Nationalmannschaften und begeisternder Dozent für unzählige Studierendengenerationen. Unter seiner Leitung gingen aus dem Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin 24 Habilitationen sowie 14 Professorinnen und Professoren hervor. In seine Amtszeit als Rektor fällt die Anerkennung der Deutschen Sporthochschule Köln als eigenständige wissenschaftliche Hochschule mit Promotions- und Habilitationsrecht.

Wissenschaftliches Lebenswerk von Hollmann ist das mit Theodor Hettinger verfasste Buch „Sportmedizin - Grundlagen für Arbeit, Training und Präventivmedizin“, oftmals als „Bibel der Sportmedizin“ zitiert. In Würdigung seiner wissenschaftlichen und berufspolitischen Verdienste erhielt Hollmann unzählige renommierte Preise und Auszeichnungen, die seinen national wie international herausragenden Ruf bis weit über seine Emeritierung (1990) hinaus begründen und auch über seinen Tod hinaus nachhaltig in Erinnerung bleiben werden.

Hollmann wurde zum Präsidenten des Deutschen Sportärztebundes gewählt (später Ehrenpräsident), zweimal zum Präsidenten des Weltverbandes für Sportmedizin (später Ehrenpräsident) und war von 1994 bis 1997 Präsident der Deutschen Olympischen Gesellschaft. Er erhielt vielfältige Ehrentitel und Auszeichnungen aus allen fünf Kontinenten: Im Jahre 1961 wurde ihm die Carl-Diem-Plakette für Sportmedizin und Sportwissenschaft verliehen (heute Wissenschaftspreis des Deutschen Olympischen Sportbundes), drei Jahre später der Hufeland-Preis für Präventivmedizin, 1976 der Sir-Philip-Noel-Baker-Forschungspreis der UNESCO. Im Jahre 2002 wurde er mit der Paracelsus-Medaille, der höchsten Auszeichnung der Deutschen Ärzteschaft geehrt, 2003 mit der Peter-Beckmann-Medaille der DGPR. Die Bundesrepublik Deutschland verlieh ihm das Schulterband zum Großen Bundesverdienstkreuz mit Stern. Von Universitäten aus dem In- und Ausland erhielt er Ehrendoktor- und Ehrenprofessorentitel.

1995 zeichnete ihn die Deutsche Sporthochschule mit der Ehrenbürgerwürde aus und gab dem Forum im Institutsgebäude II seinen Namen. Seit Januar 2020 ist das Wildor Hollmann Forum Heimat einer Dauerausstellung zu seinem Leben und Wirken in Bildern, Objekten und Worten.

„Professor Hollmann wird allen, die ihn kannten und das Glück hatten seinen Vorlesungen zu lauschen, als außergewöhnlicher Redner, mit scheinbar unendlichem Wissen, in Erinnerung bleiben. Seine humorvolle Art und seine Befähigung, die kompliziertesten Vorgänge verständlich zu erläutern nahmen jeden Zuhörer für ihn ein. Jedem, der ihm im persönlichen Gespräch begegnete, brachte er eine Wertschätzung entgegen und seine einnehmende humorvolle Art machte jede Begegnung zu einem Erlebnis, an das sich der Gesprächspartner gerne erinnert“, unterstreicht Prof. Dr. Sportwiss. Birna Bjarnason-Wehrens, langjährige Mitarbeiterin der DSHS Köln und ehemaliges Präsidiumsmitglied der DGPR die fachlichen und menschlichen Qualitäten Hollmanns.

Die DGPR ist in tiefer Trauer um ihr Ehrenmitglied, das bis kurz vor seinem Tod noch Sondervorlesungen für Studierende an der DSHS Köln gehalten hat. Sie wird sein Vermächtnis für immer in Ehren halten.

Quellen: Pressemitteilung DSHS Köln, DGPR
Foto: L. Keiss